Ageing Trouble! Book Release — eine Buchbefreiung

Im Englischen wird eine Buchveröffentlichung „Book release“ genannt. Mir gefällt dieses Wort.

„Release“ umfasst ein breites Bedeutungsspektrum von Freigeben und Herausbringen über Freilassen, Entlassen, Loslösen, Entlasten, Befreien, Auslösen, Entbinden, Abwerfen bis hin zum Erlösen.

Dieses Wortfeld empfinde ich als ziemlich stimmig. Ungefähr zwanzig Jahre nachdem ich begonnen habe, an meinem Ageing Trouble-Buch zu schreiben, gebe ich es nun endlich frei. Eine Befreiung.

Ihr findet es hier open access als kostenfreies pdf-Dokument beim transcript-Verlag, könnt es dort auch als gedrucktes Buch kaufen oder es über Eure Buchhandlung bestellen.

Ein langer Weg

Es gibt Bücher, die lassen sich planen und Kapitel für Kapitel runterschreiben. Und dann finden sich Bücher, die entstehen langsam, widerständig, eigensinnig, auch hartnäckig und bisweilen schmerzhaft – so wie die Prozesse, von denen sie handeln.

Mein Ageing Trouble-Buch gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nach rund zwanzig Jahren Arbeit an ihm, unterbrochen durch eine lange Schreibpause, nach einigen Umwegen, auch manchem Holzweg, viel HinUndHer, und dann doch NachWieVor Weiterdenken, Wiederanfangen, Neueinsätzen — ist dieses Buch jetzt erschienen.

Durchhalte-collAGEn

Während ich diese Zeilen schreibe, fühlt sich das immer noch etwas unwirklich an — jedenfalls weniger nach einem definitivem Abschluss als vielmehr nach einem Übergang, einer passAGE. Wen wundert’s?

Ein „Trouble“, der mich nicht losgelassen hat

Als ich als damals junge Wissenschaftlerin begonnen habe, mich mit Alter(n), Bildung im Alter und der Alterstopik in Wissenschften und Künsten zu beschäftigen, war mir schnell klar:
Hier stimmt etwas nicht.

Die erziehungswissenschaftlichen Bilder von Alter(n) und Bildung schienen mir viel zu eng, zu normiert und normalisierend. Gleichzeitig erlebte ich in partizipativen Forschungsprojekten mit älteren Menschen etwas völlig anderes: Widersprüchlichkeit, Ambivalenzsensibilität, Humor, Widerstand, Irritation, Eigen-Sinn.

Aus dieser Spannung heraus ist Ageing Trouble entstanden – als Versuch, dieses Unbehagen produktiv zu machen.

Im Buch beschreibe ich „Ageing Trouble“ als ein Aufbegehren gegen dominante Altersstereotype und als Ausgangspunkt für eigensinnige Bildungsprozesse.

Blickwechsel


Ageing Trouble ist ein Buch, das aus unterschiedlichen Perspektiven auf Altersdiskurse schaut. Es beinhaltet Blickwechsel und damit eine Verschränkung von:

  • kritischer Auseinandersetzung mit erziehungswissenschaftlichen Diskursen über Alter(n) und Bildung
  • literaturwissenschaftlichen Analysen, die zeigen, dass viele Fragen zum Alter(n), zu Lern- und Bildungsprozessen im Alter im literarischen Diskurs früher und anders verhandelt wurden als in den Alter(n)swissenschaften
  • und der Praxis Kultureller Bildung im Alter, insbesondere in Tanz- und Theaterprojekten mit älteren Menschen.

Schreiben gegen den Strich

Dieses Buch zu schreiben, bedeutete auch, gegen Erwartungen und Vorurteile anzuschreiben — nicht zuletzt gegen meine eigenen.

Zum Beispiel gegen die Erwartung, dass wissenschaftliche Texte glatt und widerspruchsfrei sein müssen.

Stattdessen habe ich versucht, Brüche sichtbar zu machen: zwischen Diskurs und Erfahrung, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Zuschreibung und eigenem leibkörperlichem Erleben.

Dass dabei ein Buch entstanden ist, das nicht nur eine Diskurstheorie, eine Heterotopologie von Bildung und Alter(n) entwirft, sondern auch konkrete Performance-Projekte Kultureller Bildung im Alter in den Blick nimmt, war mir wichtig. Denn genau dort – auf der Bühne, im Probenraum, im gemeinsamen Tun – wird Ageing Trouble sichtbar und be-greifbar.

Leibhaftig

Über zwei Jahrzehnte an einem Thema, einem Konzept wie Ageing Trouble zu arbeiten bedeutet auch, dass sich der eigene Blick verändert.

Ich habe in dieser Zeit nicht nur über Ageing Trouble in Theorie und Praxis von Kultureller Bildung im Alter geforscht, sondern ja auch selbst „Trouble“ mit Erfahrungen des Älterwerdens gehabt und gemacht, habe Bildungsprozesse durchlebt, gelernt und verlernt – wissenschaftlich, biografisch, beruflich, am eigenen Leib.


Das leibhaftige Erleben des eigenen Alter(n)s lässt sich nur unzureichend  in einen wissenschaftlichen Text übersetzen, aber mit Hilfe der Focusing- und TAE-Methode habe ich versucht, mich doch mit wissenschaftlichen Methoden dem ästhetischen und leibkörperlichen Erleben von Ageing Trouble in Projekten Kultureller Bildung anzunähern. Diese Methodik leitet den Teil C, den Praxisteil dieses ABC der Performativen Kulturgeragogik, das ich nun vorlege.

Für wen ich Ageing Trouble geschrieben habe

Ich habe das Buch nie für eine einzige klar abgegrenzte Zielgruppe gedacht. Da ich transdisziplinär arbeite, verorte ich mich sowohl in der Literatur- als auch in der Erziehungwissenschaft, in der Kulturgerontologie ebenso wie in Theorie und Praxis der Kulturgeragogik.

Das Buch richtet sich an Menschen,

  • die in diesen Wissenschaften  arbeiten und bereit sind, ihre Begriffe zu hinterfragen
  • die in der Kulturellen Bildung tätig sind und neue Perspektiven suchen
  • die künstlerisch arbeiten und Alter(n) anders darstellen wollen
  • und an alle, die sich in Ageing Trouble fühlen und sich mit kritisch mit Bildern vom Alter(n) und such dem eigenen Ageismus kritisch auseinandersetzen möchten.

Denn Ageismus – so viel ist mir im Laufe der Arbeit und der Jahre immer deutlicher geworden – wird in unserer Gesellschaft im Zuge des demografischen Wandels nicht weniger. Auch wenn es immer mehr ältere Menschen gibt, heißt das nicht, dass Altersdiskriminierung und Ageismus abnimmt. Im Gegenteil. Auch vor Selbstageismus sind wir nicht gefeit. Ageing Trouble betrifft uns alle, wenn auch oft auf unterschiedliche Weise.

Und jetzt?

Jetzt hab ich das Buch freigegeben, und es kann in die Welt gehen.

Nach zwanzig Jahren ist damit etwas abgeschlossen – und gleichzeitig beginnt etwas Neues: Ich hoffe auf Austausch, Gespräche, Diskussionen, Widerspruch, Weiterdenken, Andersdenken.

Wenn ich mir etwas wünsche, dann — klar — dass Ageing Trouble gelesen wird, dass es Fragen aufwirft statt Antworten abzuschließen.
Und dass es vielleicht, hoffentlich  dazu beiträgt, noch mehr diskursive und künstlerisch-kulturelle Räume zu öffnen, in denen das Alter(n) anders – eigensinniger, widersprüchlicher, freier – erlebt, gedacht, aufgeführt, ausgedrückt und gelebt werden kann, in denen Freude, Lust und Zugewinn ebenso da sein dürfen wie Verletzlichkeit, Angst, Erschöpfung und Verlust. Räume, in denen das Alter(n) und die Einsicht in die Endlichkeit des Lebens nicht unter den Schleier gezogen wird, der auch den Tod in unserer Gesellschaft verdeckt.

Tja, und ich selbst werde nun als ersten Schritt in dieser neuen passAGE, die nun beginnt, in einem dieser Räume, in den ehrenfeldstudios in Köln, mit Freund*innen und Kolleg*innen diesen langersehnten „Book Release“, diese Buchbefreiung, feiern.

Und dann schau ich mal, was so kommt.